Rückblick 1: Auf dem Weg nach Messina

Nach unseren ersten Rettungseinsätzen am 23. Juni sind wir auf dem Weg nach Messina, eine Hafenstadt auf Sizilien; auch das Tor nach Italien genannt. Sizilien ist hier ganz nah an der Spitze des italienischen Stiefels. Wir haben bei zwei Einsätzen, einer Tages- und einer Nachtrettung sowie bei einem Transfer über 650 Menschen an Bord genommen.

Jetzt steht die weitere Versorgung mit Essen an. Bei der hohem Zahl an Flüchtlingen dauert das schon etwas länger und jeder fasst mit an. Vormittags wird in Portionen abgepacktes Tabouleh und Brot verteilt. Abends gibt es Reis: „Adventure Food“ steht auf der Packung. In den Tüten wird der Reis mit heißem Wasser verrührt, wieder verschlossen und in eine Box gestellt. So bleibt er heiß und es gibt eine warme Mahlzeit.

Nach der ersten Nacht an Bord sind unsere Gäste jetzt schon etwas lebhafter. Die Kinder haben Stofftiere zum Spielen bekommen.

Wir fragen einige, ob sie uns ihre Geschichte erzählen wollen. Die meisten kommen aus Westafrika, aus Mali, Guinea-Conakry, Ghana und Elfenbeinküste. Einige aus Ostafrika; aus Eritrea oder Südsudan. Sie fliehen aus unterschiedlichen Gründen: vor Krieg, Terror, Unterdrückung und wirtschaftlichem Niedergang oder aus allem zusammen. Sie erzählen von ihrem Weg durch die Wüste und von ihrem Aufenthalt in Libyen. Einige sind schon seit mehr als einem Jahr unterwegs, andere erst zwei Monate. Die Geschichten von der Durchquerung der Sahara und der Aufenthalt in Libyen offenbaren die Schrecken der Flucht.

Die Sahara wird auf völlig überfüllten Pick-ups durchfahren. Zu den Gefahren der Wüste kommt hier noch hinzu, dass sich die Fliehenden während der Passage ganz ihren Schleppern anvertrauen müssen. Korruption und kriminelle Banden bedrohen sie. Mehrfach wird erzählt, dass für diejenigen, die von den Wagen fallen, nicht angehalten wird. Es gibt wenig zu essen und zu trinken. Die Schleuser erpressen mit Androhung von Gewalt (das letzte) Geld. Wer kein Geld hat, ist ihrer Willkür ausgeliefert. In Libyen angekommen, ist auch dort die Situation für Schwarzafrikaner sehr gefährlich. Libyen hat keine einheitliche Regierung. Seit dem Sturz von Diktator Gaddafi haben sich mittlerweile zwei rivalisierende Regierungen gebildet. Auch der IS gewinnt an Einfluss. Die Wirtschaft liegt am Boden. Schwarzafrikaner haben keinerlei Rechte in diesem Land. Sie werden auf offener Straße beraubt, gekidnappt oder ins Gefängnis geworfen. Sie sprechen von Menschenhandel, Zwangsarbeit und Tod. Viele versuchen in Libyen Geld für die Überfahrt mit dem Boot nach Europa zu verdienen.

Irgendwann landen die meisten von ihnen in Häusern nahe der Küste. Dort müssen sie manchmal bis zu einem Monat warten, bis sie in der Nacht in die Boote gebracht werden. Einen Weg zurück gibt es nicht. Die meisten wissen, dass die Überfahrt nach Italien große Risiken birgt. Einigen wird es erst auf dem Meer klar. Von den Schleusern werden sie oft belogen, die Überfahrt dauere 2 oder 6 Stunden. Sobald die Boote losfahren, befinden sie sich in Seenot.

All diese Risiken nehmen sie auf sich in der Hoffnung auf ein sicheres und besseres Leben. Auf Gedeih und Verderb begeben sie sich auf eine wahre Odyssee.

Die Bundesregierung zeigte sich jüngst erleichtert, die Flüchtlingszahlen sinken. Die Operation Sophia soll die Schmugglernetzwerke zerstören und die Migration über die zentrale Mittelmeerroute eindämmen. Die Fliehenden werden aber nicht weniger. Nur wird Europa immer weiter zu einer Festung ausgebaut. Es gibt immer wenigere und gefährlichere Wege hinein. Auf dem Mittelmeer sterben mehr Menschen als jemals zuvor. Das Geschäft der Menschenschmuggler blüht. Kann man glauben, dass in Zeiten der Globalisierung die Menschen aufzuhalten sind. Glaubt Europa, dass sich Menschen, die keine andere Wahl haben, aufhalten lassen. Kann man in Kauf nehmen, dass diese Menschern einfach ertrinken?

Oxfam veröffentlichte gerade eine Studie nachdem die sechs reichsten Staaten der Welt, die über die Hälfte der globalen Wirtschaftskraft verfügen, nur neun Prozent aller Flüchtlinge aufnehmen.

Auf dem Schiff fühlen sich die Geretteten sicher. Man sieht ihre Hoffnung und ihre Energie, jetzt wo sie die größten Gefahren überstanden haben und meinen, kurz vor ihrem Ziel zu sein. Viele wissen nicht, was sie in Europa erwartet, andere nur zu gut. Zwei Tage und Nächte sind sie Gäste auf der Aquarius. Diese Zeit ist eine Zeit der Sicherheit und Erholung.

Wir passieren Lampedusa. Ab und zu sehen wir andere Schiffe.

 

So nähern wir uns langsam Sizilien. Abends können wir schon die Küste sehen. Es gibt eine grandiosen Sonnenuntergang mit Blick auf den Ätna.Und als wäre das nicht genug, taucht wieder eine Schule Delphine auf. Alle auf dem Schiff sind wie verzaubert.

 

Am nächsten Morgen werden wir in Messina anlegen. Dort werden die Migranten von den italienischen Behörden übernommen.

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